TABEA GRZESZYK

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This article was written on 10 Apr 2013, and is filled under BERLIN, Radio, Tabea Grzeszyk.

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STYLE POLITICS

von Tabea Grzeszyk und Simone Miller für Deutschlandradio Kultur, „Zeitreise“, gesendet am 10. 4.2013. Redaktion: Kim Kindermann, Regie: Karena Lütge, Sprecherin: Ilka Teichmann

„Ist die Revolution eine Frage des Stils?“ –Style Politics und das politische Versprechen von Mode (Manuskript)

Musik 1 Y. Bourdin: Swiftly, darüber:

Collage 1
Sagt meine Bluse mehr als tausend Worte? – Zeigt dir mein Anzug, wer ich bin? – Ist jedes Outfit Maskerade?- Ist Pink das neue Schwarz?- Warum müssen Frauen beim Kickboxen Röcke tragen? – Sind Männer in Röcken subversiv? – Bestimmt das modische Sein das Bewusstsein? – Dürfen Weiße Afros tragen? – Gibt es heute noch Kleidervorschriften? – Bist du ein Modeopfer?– Ist Mode politisch? – Ist die Revolution eine Frage des Stils?

Atmo 1 Kunstgalerie, Ich freue mich, dass ihr alle da seid, darüber:

Autorin 1
In der Berliner „Galerie im Saalbau“ im Bezirk Neukölln drängt sich eine kleine Gruppe Kunstinteressierter um die Kuratorin Elisabeth Bienert. Die zierliche Frau steht in der Mitte eines weißgestrichenen Raumes, an dessen Wände keine Bilder hängen – sondern Mode: Schwarze Lederjacken mit aufgenähten Slogans, ein aus kopierten Kinderzeichnungen zusammengesetzter Papier-Anzug, ein rotes Abendkleid, genäht aus einem Dutzend roter Damenhandschuhe. Die Kostüme sind Teil der Ausstellung „Kleider machen Leute“, die Elisabeth Bienert kuratiert hat. Die Arbeiten experimentieren mit Mode und gesellschaftlichen Rollenbildern:

O-Ton 1 Elisabeth Bienert, Kuratorin
Wenn ich mich selber repräsentieren will oder selber irgendwo auftrete, dann zeige ich durch die Kleidung natürlich sehr viel. Ich sage etwas über meine Identität, ich sage etwas über meine Kultur, vielleicht sogar etwas über meinen Glauben im weitesten Sinne. Aber ich kann natürlich auch Dinge verbergen. Ich kann mich auch so anziehen, dass man bestimmte Dinge vielleicht nicht merkt, ich kann mich ver-kleiden.

Atmo 2 Führung durch die Ausstellung, darüber:

Autorin 2
Elisabeth Bienerts Ausstellung macht sichtbar, dass Kleider immer auch Botschaften sind: Mode erzählt etwas über die gesellschaftliche Klasse, das Geschlecht, die ethnischen Zugehörigkeiten ihrer Träger. Historisch gesehen erzählt diese „Sprache der Mode“ die Geschichte gesellschaftlicher Machtkämpfe:

Musik 2 The Black Eyed Peas: My Style

Autorin 3
Das aufstrebende Bürgertum des 19. Jahrhunderts lehnt sich gegen die Kleidervorschriften auf, die bestimmte Farben und Stoffe dem Adel vorbehalten. Frauen erkämpfen Anfang des 20. Jahrhunderts das Recht, sich Hosen und andere männliche Kleidungsstücke anzueignen. 60 Jahre später erschüttert die Black Power-Bewegung die Dresscodes der weißen Mittelschicht, während Lesben, Schwule oder Transsexuelle modische Geschlechtergrenzen durchkreuzen. „Style Politics“: Eine Reise zu den politischen Kampfplätzen der Mode, auf denen gesellschaftliche Machtverhältnisse verhandelt werden – damals wie heute.

Musik 3 John Bull: Coranto „Alarm“, darüber:

Sprecher 2 Zitate Kleidungsvorschriften
Violette Seide, goldgewobene Kleider und Zobelpelz sind dem König, der Königin, der Königsmutter, den Königskindern, Geschwistern, Tanten und Onkeln zu tragen vorbehalten. Violett an Gewändern, Umhängen oder anderen äußersten Kleidungsstücken, Leopardenpelz, Hüte, Hutbänder, Strumpfbänder oder mit Gold, Silber oder Perlen veredelte Stiefelhosen, emaillierte Ketten, Knöpfe und Benadelungen dürfen ausschließlich von Herzögen, Marquisen, Grafen und ihren Kindern, Viscounts, Baronen, von dem Hosenbandorden angehörenden Rittern und von Personen des Kronrats getragen werden. Bedienstete dürfen keine kurzen Kleider und Mäntel aus mehr denn zweieinhalb Yards Stoff und keine langen Kleider aus mehr denn drei Yards Stoff tragen.

Autorin 4
Bis ins 19. Jahrhundert hinein hatte Kleidung eine eindeutige Funktion: Sie unterschied die Menschen nach Stand. Wer man war, ließ sich ganz einfach mit einem Blick auf die Körperhüllen feststellen. Sonja Eismann hat das Buch „absolute fashion“ herausgegeben, die erste Textsammlung der Modegeschichte und -theorie im deutschsprachigen Raum. Darin untersucht sie Kleidung als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse:

O-Ton 2 Sonja Eismann
Für die Adligen war es natürlich auch sehr wichtig eine Grenze zu ziehen zum Pöbel sozusagen, deswegen gab es auch immer in der Geschichte bestimmte Kleidungsvorschriften, in England, am englischen Hof hießen die zum Beispiel Sumptuary Laws, wo eben genau definiert war, wer, welche Stände welche Kleidungsformen, welche Stoffarten tragen durften, um eben diese Linie zwischen den gesellschaftlichen Ständen oder eben Klassen nicht zu verwischen.

Autorin 5
Erst die Abschaffung des Feudalsystems im Zuge der Aufklärung setzt der standesmäßigen Kleidungsordnung ein Ende. Die Mode des Bürgertums symbolisiert die neue Gleichheit, die Schnitte werden schlichter, die Farben dezent. Doch die deutsche Jugend erlebt die Aufklärung als Käfig der Fantasie und der Gefühlswelt, sie begehrt gegen das Diktat der Vernunft auf. Die Stürmer und Dränger inspirieren eine ganze Reihe von Autoren, aber keiner entfacht so viel gesellschaftlichen Wirbel wie Johann Wolfgang von Goethe mit seinem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ von 1774.

Musik 4 Massenet: Pourquoi me revéiller? (Oper Werther)

Der Anti-Held wird zum Sinnbild eines neuen Lebensgefühls und tritt eine ganze Jugendbewegung los. Junge Männer werfen sich in seinen blauen Frack mit Messingknöpfen, in die gelbe Weste, Lederhosen und Stulpenstiefel. Für die Kulturwissenschaftlerin Sonja Eismann ist der junge Werther das erste medial vermittelte Modephänomen überhaupt:

O-Ton 3 Sonja Eismann
Das Mediale an der Werthertracht war ja, dass sie durch ein Druckwerk verbreitet wurde, dass also Menschen einen Text gelesen haben und ohne sich zu kennen, also ohne eben eine gemeinsame Gruppe zu sein, da eine Übereinstimmung gefunden haben, und sich mit der Empfindsamkeit dieses jungen Mannes so identifizieren konnten, dass sie quasi unabhängig voneinander angefangen haben, das zu imitieren.

Autorin 6
Die jungen Männer stellten schon damals durch Mode eine soziale Gegenidentität zum gesellschaftlichen Mainstream her. Mädchen und Frauen blieben hingegen die modischen Paradiesvögel ihrer Männer, sagt der US-amerikanische Soziologe Thorstein Veblen. Unter dem Titel „Mode als Ausdruck des Geldes“ analysiert er am Ausgang des 19. Jahrhunderts die gesellschaftliche Funktion der Damenmode:

Sprecher 3 Zitat Thorstein Veblen
Der hohe Absatz, der Rock, der unpraktische Hut, das Korsett und die Verachtung für jegliche Bequemlichkeit, die ganz offensichtlich alle zivilisierten weiblichen Kleider kennzeichnet, beweisen durchweg, dass die Frau, auch im modernen Leben […] noch immer Hab und Gut des Mannes ist. Die einfache Ursache für all die Muße und all den Aufwand, den die Frauen betreiben, liegt in dem Umstand begründet, dass sie Dienerinnen sind, denen bei der Differenzierung der wirtschaftlichen Funktionen die Aufgabe zufällt, die Zahlungsfähigkeit ihres Herrn zur Schau zu stellen und zu bezeugen.

Musik 5 Charleston, darüber:

Autorin 7
Knapp zwanzig Jahre später wird die berühmte Modedesignerin Coco Chanel behaupten: „Ich habe die Frauen vom Korsett befreit“ und die Entstehung einer schlichteren Damenmode als Sieg der Frauenbewegung feiern. Nicht zu Unrecht. Dass das Verhältnis von Mode und der Frauenemanzipation allerdings noch vielschichtiger ist als man gemeinhin glaubt, macht gerade das Beispiel des Korsetts besonders deutlich:

O-Ton 4 Sonja Eismann
Das Korsett – da würden ja alle sofort aufschreien und sagen: klar, das ist ein Beweis dafür, wie Frauen unterdrückt wurden, wie sie in so eine Rolle gezwängt, im wahrsten Sinne des Wortes, wurden, ihnen wurde die Luft abgeschnürt, sie hatten keine Bewegungsfreiheit, sie fielen in Ohnmacht nur um eben schön auszusehen – für den männlichen Blick. Und dann gibt es aber heute Leute, die sagen, dass das Korsett in gewisser Weise fast paradoxerweise befreiend war, weil es Frauen im sehr prüden 19. Jahrhundert erlaubt hätte, überhaupt ihre weibliche Sexualität auszudrücken, also durch dieses hächelnde Atmen, was durch diese Schnürung verursacht wurde und den wogenden Busen etc. konnten sich Frauen überhaupt als sexuelle Wesen wahrnehmen.

Musik 6 Bourbon Street, A Smo-o-o-oth One

Autorin 8
Dennoch: Das allmähliche Erstarken der Frauenrechtsbewegung besiegelt das Ende des eingeschnürten Frauenkörpers. Paul Poirets Reformkleid, das in weiten Falten am Körper hinabgleitet, löst die s-förmige Silhouette des Korsetts ab. Und der Ausbruch des ersten Weltkriegs bringt die modische Geschlechtertrennung vorerst ganz zum Erliegen. Der Krieg treibt die Frauen in die Berufstätigkeit, bringt ihnen die Hose und die kleine Handtasche für das selbstverdiente Geld. In den „Roaring Twenties“ findet die erste Frauenbewegung schließlich ihren vorläufigen Höhepunkt: Die dekadente Garconne nimmt rauchend ihren Platz in den Cafés der Städte ein – kurzhaarig, mit abgebundenen Brüsten, blassem Teint, schwarzumrandeten Augen und rotem Schmollmund.

Collage 2 – Umfragetöne
Also ich habe solche Rockerstiefel an mit Nieten, dazu habe ich eine Schlangenleggins an und einfach ne schlichte schwarze Bluse dazu und dann in der gleichen Farbe der Schal wie die Leggins. Ich achte schon darauf, dass die Farbenkombination zusammenpasst – ansonsten gehe ich ganz frei damit um. – Sie will sich einfach nur gefallen! – Und du? – Ich möchte schon damit aussagen, dass ich so n bisschen Surfer-Skatertyp bin und nicht irgendwie so der Mainstream-Boy-keine Ahnung, also dass ich schon Hobbies hab!

Musik 7 Isaac Hayes: Shaft Theme Song, darüber:

Autorin 9
Während in Europa zwischen den Weltkriegen ein neuer Frauentyp selbstbewusst die Bühne betritt, kommt es auch in den Vereinigten Staaten zu gesellschaftlichen Machtkämpfen, die in neuen Kleiderstilen sichtbar werden. Afro-Amerikaner lehnen sich gegen ihre rassistische Behandlung als Bürger zweiter Klasse auf. Das neue Selbstbewusstsein und die Suche nach einer eigenen, schwarzen Identität spiegelt sich Anfang der 1940er Jahre in einem damals skandalösen Outfit, das sich vom Dresscode der weißen, amerikanischen Mittelschicht gehörig absetzt: der „Zoot-Suit“ ist geboren.

O-Ton 5 Philipp Dorestal
Die waren sehr weit geschnitten, sehr groß, zwei, drei Nummern größer als notwendig. Der Zuit Suit hat sich entwickelt im Kontext der Jazzkultur, der halt sehr stark afroamerikanisch dominiert war Anfang der 1940er Jahre, und ein praktischer Aspekt war eben, dass diese Weite der Anzugs auch schnelle Tanzbewegungen erleichterte. Insofern war er in der Jazz-Szene sehr beliebt.

Musik 8 Charlie Parker: Ornithology, darüber:

Autorin 10
Der Amerikanist Philipp Dorestal hat seine Dissertation über „Style Politics“ in der Bürgerrechtsbewegung geschrieben. Der „Zoot Suit“, den schwarze Jazzmusiker populär gemacht haben, ist für ihn ein Paradebeispiel für die politische Dimension von Mode. Das Tragen dieses luxuriösen Anzugs beschreibt er als subversiven Akt, mit dem Afro-Amerikaner rassistische Stereotype vom „primitiven“, also schlecht gekleideten Schwarzen dekonstruierten. In der Tat fühlte sich die weiße Mittelschicht durch die Zoot-Suit-Bewegung provoziert – vor allem, als Amerika 1941 in den 2. Weltkrieg eintritt und die Kriegsrationierungen nicht nur Reifen oder Schreibmaschinen, sondern auch Stoffe zur Herstellung von Kleidern trifft. Der weitgeschnittene „Zoot Suit“ ist amerikanischen Patrioten ein Dorn im Auge.

O-Ton 6 Philipp Dorestal
Der Zoot Suit war eben ein Kleidungsstück, das sehr aufwändig produziert wurde und auch sehr teuer war. Jeder, der diesen Zoot Suit trug nach dem Erlass des War Prouction Boards, der Kriegsproduktionsbehörde, die Zoot Suits und andere aufwändige Kleidungsstücken verboten hatte, der stellte sich quasi gegen die Nation – so wurde es in der zeitgenössischen Presse interpretiert, größtenteils – und wurde in gewisser Weise als Vaterlandsverräter interpretiert.

Atmo 3 Zoot Suit Riots – Newsreel von 1946, darüber:

Autorin 12
Den Siegeszug des „Zoot Suits“ konnten jedoch weder die Presse, noch die Verbote der amerikanischen Kriegsbehörde aufhalten. Mit der Jazz-Musik verbreitete sich auch der „Zoot Suit“ in Europa: Die Entstehung der „Ted“-Bewegung in England oder der „Zazous“ in Frankreich sieht Philipp Dorestal deutlich von den amerikanischen Zoot-Suitern inspiriert. Dabei ging der ethnische Bezug verloren – in England ließen sich nicht schwarze, sondern weiße Jugendliche der Arbeiterklasse dazu anstiften, den symbolischen Aufstand gegen die Mittelklasse zu proben.

Musik 10 The Apostles: Black is beautiful, steht kurz frei, dann darüber:

Autorin 13
Auf die exzentrischen „Zoot Suiter“ folgt Ende der 1950er Jahre der bürgerliche Pastor Martin Luther King, einer der bedeutendsten Vertreter der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Kings Aufruf zum zivilen Ungehorsam gegen die gesetzliche „Rassentrennung“ in den Südstaaten macht das Civil Rights Movement zu einer Massenbewegung. So sehr die schwarzen Bürgerrechtler rassistische Stereotype vieler Amerikaner herausfordern – auf der Ebene der Kleidung passen sie sich dem Vorbild der weißen Mittelklasse an. Männer in Anzügen und Krawatte und Frauen in ordentlichen, weißen Kleidern repräsentieren den Wunsch einer schwarzen Mittelschicht, in Amerika respektiert zu werden. Modische Impulse setzt dagegen eine Bewegung, die eine ganz andere schwarze Identität zelebriert.

O-Ton 8 Philipp Dorestal
Ab Mitte der 1960er Jahre kam die Black Power Bewegung auf, die hat sich explizit abgegrenzt von der bürgerlichen Bürgerrechtsbewegung und die Ziele waren sehr viel militanter, bewaffnete Selbstverteidigung galt als legitim. Die Black Power Bewegung hatte als einen zentralen Slogan „black is beautiful“ und die Black Panther Party trat mit schwarzen Lederjacken, Gewehr und Sonnenbrille auf. Das war ein Versuch, damit ein Bild von Militanz und Disziplin zu vermitteln.

Autorin 14
Dieses Bild wird Anfang der 1970er Jahre auch im amerikanischen Kino verewigt. Actionfilme mit schwarzen Helden sind derart erfolgreich, dass sie ein neues Filmgenre begründen – das „Blaxploitation“-Kino.

Musik 11 Titelsong “Sweet Sweetback Baadassss Song”, darüber:

Autorin 15
Ob kollektive Befreiung oder persönliche Bereicherung – vor allem in der Musik zeigen sich die modischen Vorbilder: Bestimmte Elemente wie Baskenmütze oder Sonnenbrille werden aufgegriffen in den Spielarten der Rapmusik. Der exzentrische Look der Zuhälter ist bei Gangsta-Rappern bis zum deutschen Bushido auf fruchtbaren Boden gefallen.

Musik 12 Bushido: Sonnenbank-Flavor (ab Refrain „das ist der Sonnenbank-Flavor. BMW, Eigentum…“)

Collage 3 – Umfragetöne
Wenn Du weitere Hosen trägst, die vielleicht so´n bisschen boyfriendstyle sind, oder wenn du als Frau nen Kapuzenpullover oder irgendwas Lässigeres trägst. Als Frau kannst du dich aber dann auch wieder sehr weiblich anziehen, mit hohen Schuhen, vielleicht ner Leggins und nem engen Top oder irgendwas. Bei Männern ist es glaube ich schwieriger – dass sich Männer weiblich anziehen, das glaube ich ein bisschen weniger.

Musik 13 The Troggs, Wild Thing

Autorin 16
Während Kleidung den einen als wirkmächtiges Instrument in ihrem Kampf um gleiche Bürgerrechte dient, stellt sie für die anderen ein akutes Problem dar: In den USA der 60er Jahre gelten nach wie vor geschlechtsspezifische Kleidervorschriften. Die machen vor allem jenen zu schaffen, die den konventionellen Geschlechter- und Rollenbildern nicht entsprechen – wie Butches und Drag Queens: lesbische Frauen, die in Männerkleidung, und schwule Männer, die in Frauenkleidung auftreten. Ammo Recla, Gender-Trainer und Geschäftsführer des Berliner Vereins ABqueer, setzt sich ein für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Menschen, die zwischen den Geschlechtern leben. Er erklärt, was diese Kleidungsordnung damals für das Leben der Szene-Mitglieder bedeutete:

O-Ton 10 Ammo Recla
Sie mussten mindestens drei Kleidungsstücke ihres in Anführungsstrichen Geburtsgeschlechtes anhaben. Und das ist natürlich für Butches oder für Tunten oder Dragqueens schon nicht so einfach. Also weil es ja eine identitäre Sache ist und das so zu machen, dass man das trägt und gleichzeitig nicht die Identität verrät, die eigene, die gefühlte, ist natürlich eine ganz schön schwierige Sache. Die Denke war ja: Eine Femme steht auf eine Butch und eine Butch steht auf eine Femme. Also war klar, dass man sich mit den Kleidern auch positioniert in der Begehrensstruktur, auf was man steht, ob man eher Männliches in Anführungsstrichen sucht oder eher Weibliches in Anführungsstrichen. Deswegen war Kleidungsordnung eine sehr klare Positionierung.

Autorin 17
Innerhalb der Szene rankt sich um Kleidung ein ganzer Kodex an Identitätszuschreibungen und Verhaltensregeln. Doch wer sich der staatlichen Kleiderordnung nicht beugt, ist der ständigen Gefahr ausgesetzt, von der Polizei verhaftet und auf der Wache misshandelt zu werden.
Der Schikanen müde beginnt sich die Szene zunehmend zu organisieren und an Selbstbewusstsein zu gewinnen. Als die Polizei am 28. Juni 1969 die einschlägige New Yorker Bar „Stonewall Inn“ stürmt, setzen sie sich gegen ihre Verhaftung zur Wehr – die Butches und Queens, die Tunten und Femmes.

O-Ton 11 Ammo Recla
Die Stonewall-Riots sind so der Beginn von: Wir sind stolz, wir zeigen uns und wir haben keinen Bock mehr, wir haben die Schnauze voll von dieser Repression und jetzt wehren wir uns. Wir bitten nicht mehr wie vorher: Erkennt uns doch bitte an und wir werben für Akzeptanz, sondern wir schlagen zurück. Und gerade in den Unruhen, die ja wirklich auch blutig waren, zeigt sich das sehr deutlich. Ich finde das wichtig zu sagen, dass da viele Leute gekämpft haben und vor allem diejenigen, die immer wieder rausgegriffen wurden bei den Razzien, die eben gegen diese geschlechtseindeutigen Performances verstoßen haben, die wurden abtransportiert, wurden mit auf die Wache genommen.

Musik 15 Gloria Gaynor: I am what I am, nach „special creation“ runter

Autorin 19
Die Stonewall Riots dauern drei Tage an und markieren den Auftakt zur schwul-lesbischen Befreiungsbewegung: 1970 folgt in der Christopher Street von Los Angeles die erste große Gay Pride – eine Straßenparade, auf der sich die Szene in all ihren Facetten feiert.

Musik 16 hochziehen: „I am what I am“

Autorin 20
Und heute? Welche Subkulturen fordern die gesellschaftlichen Machtverhältnisse heraus? Den modischen Angriff auf die Geschlechtergrenzen hat die Fashion-Industrie längst adaptiert: Das serbo-kroatische Topmodel Andrej Péjic, von Geburt aus männlich, präsentierte 2011 sowohl die Männer- als auch die Frauenkollektion für Jean-Paul Gaultier. Die französische Ex-Profischwimmerin Casey Legler ist die erste Frau, die seit 2012 exklusiv als Mann für die amerikanische „Ford“-Agentur arbeitet. Auch die Mode selbst hat sich verändert: Designer entwerfen „Unisex“-Kollektionen für beide Geschlechter, andere wagen sich noch einen Schritt weiter. Wie Patrick Mohr, das „enfant terrible“ der deutschen Modeszene. Der Designer präsentierte auf der letzten Fashion-Week in Berlin Mode für Menschen, die es heute noch gar nicht gibt.

Atmo 4 Soundinstallation Patrick Mohr, Fashionweek 2013, darüber:

Autorin 21
Zu seiner Schau lädt Patrick Mohr nicht zum Laufsteg ans Brandenburger Tor, sondern in ein Kellergewölbe nach Kreuzberg. In einer verwinkelten Betonlandschaft stehen drei weiß geschminkte Models in geometrischen Kleidern aus einem Leder-Materialmix reglos an ihrem Platz. Tropische Klänge mit einem Hauch von Apokalypse beschallen den Keller. Die Models blicken durch orangefarbene Kontaktlinsen auf ihre Besucher. „Alien-Alarm“ betitelt die Presse die Modenschau, „Horror bei Patrick Mohr“, „die Rückkehr der Mutanten“. Der Designer selbst sieht das anders.

O-Ton 12 Patrick Mohr (mit Atmo)
Also letzten Endes ist ja bei mir so, dass ich also keinen Unterschied zwischen Mann und Frau mache. Für mich geht es um eine Einheit – wir sind alle gleich. Und das, was ich hier heute präsentiert habe, sind letzten Endes Wesen und es ist meine Interpretation von der Bevölkerung, von der Gesellschaft, wie ich uns sehe und ich habe heute letzten Endes einfach mein Inneres nach außen gebracht und euch präsentiert.

Musik 17 The Knife: Pass this on, darüber:

Autorin 22
In den letzten vier Jahren hat Patrick Mohr neben Obdachlosen und Bodybuildern auch Frauen mit Bart und Glatze und zuletzt post-humane Wesen auf den Laufsteg geschickt. Allesamt Kontrapunkte zu den Schönheitsidealen der Fashion-Industrie. Modische Provokationen, die eine Vielfalt von Wesen auch jenseits der Zweigeschlechtlichkeit behaupten. In diesem Sinne könnte man Patrick Mohrs Kollektionen „queer“ nennen – sie verweigern eine eindeutige Identität. Das gehört zu den zentralen Anliegen der „queeren“ Subkultur, die sich Anfang der 1990er Jahre auch in Deutschland ausbreitet. Queer möchte die gängigen Geschlechterbilder durchbrechen. Angefangen bei Kleinigkeiten wie etwa dem obligatorischen Haarspängchen bei Männern. Doch verändert ein Spängchen im Haar wirklich die Welt? Ammo Recla vom Verein ABqueer:

O-Ton 13 Ammo Recla
Die eigene Welt glaub ich schon, weil es Horizonte erweitert und weil es vielleicht ein Schritt in eine Richtung ist, sich was zu trauen, was man sich vorher nicht getraut hat. Und wenn es nur ein Spängchen ist, wenn es nur ein rotes T-Shirt ist, das hauteng ist oder so, und es öffnet mir die Welt, sich mehr zu trauen und dann zu gucken, was dann passiert. Und ich bin jemand, der schon an Systeme glaubt, Gesellschaft schon als ein System begreift, und wenn an verschiedenen Stellen in einem System sich Sachen verändern, dann hat es auch eine Verbindung zu allen anderen. Wobei ich nicht so weit gehen würde, zu sagen: Ich mach mir jetzt ein Klämmchen ins Haar und schon ist der Weltfrieden da. Aber ich glaube, dass viele kleine Schritte dazu führen, dass Veränderungen kommen.

Autorin 23
Für Ammo Recla gehört die Kategorie Geschlecht zu den letzten „heiligen Kühen“,
die heute noch über die Verteilung von Macht und Privilegien entscheiden. Doch wie
lange noch? „Queer“ ist längst Teil unserer Alltagskultur geworden – man denke an
die Pop-Diva Lady Gaga, die mit ihrem Hit „You were born this way“ von 2011 eine
Hymne an die geschlechtliche Vielfalt geschrieben hat. In ihrem Video gebiert Lady
Gaga als „Monster Mama“ eine Reihe unterschiedlichster Wesen, sie schlüpft in
Frauen- und Männerrollen, tanzt als Untote im schwarzen Zweiteiler oder als
Retortenwesen im androgynen Hautanzug.

Musik 18 Lady Gaga: Born this way

Autorin 24
Erzählt die „queere“ Sprache der Mode heute vom gesellschaftlichen Machtkampf um
die Kategorie Geschlecht? Ist sie ein Vorbote, ähnlich den aufmüpfigen Dresscodes
der ersten Jugendkultur des aufstrebenden Bürgertums im 19. Jahrhundert, der
Garconne in den 1920er Jahren, der Black-Power-Anhänger oder der Stonewall-
Aktivisten der 1960er Jahre? Schließlich ist Queer eine Kampfansage an eine
Gesellschaft, in der Macht und Privilegien anhand von Geschlecht und Begehren
verteilt werden. Vielleicht stehen wir vor dem nächsten Paradigmenwechsel. Für den
Gender-Trainer Ammo Reclo ist eine solche Utopie durchaus denkbar:

O-Ton 14 Ammo Recla
Ich stelle mir das immer ein bisschen vor, wie es früher mit den Ständen war, zumindest jetzt mal auf Deutschland bezogen, war es auch viele Jahrhunderte nicht denkbar, dass man außerhalb des eigenen Standes irgendwie heiratet oder dass überhaupt der Stand nicht mehr von Bedeutung ist. Und das finde ich interessant, da gibt’s für mich eine Vergleichbarkeit, so ähnlich könnte es mit Geschlecht sein. Heute können wir uns das noch nicht vorstellen, wie es danach aussieht, ohne daran eben auch Macht zu verteilen. Aber ich glaube, es ist möglich. Mir als Gender-Trainer sagen ja auch alle immer: Ja – also mit vielen Sachen kann ich voll mitgehen, aber Geschlecht, das ist ja so total, so Natur, ne. Also der Körper ist ja da, und das stimmt ja auch, der Körper ist ja da, aber wir haben ja Adelszusammenhänge oder wir haben Ständezugehörigkeiten auch total naturalisiert, und das war auch irgendwann kein Thema mehr. Also warum sollte das nicht auch für Geschlecht möglich sein?

Musik 2 The Black Eyed Peas: My Style

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