TABEA GRZESZYK

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This article was written on 05 Jul 2012, and is filled under ALGIER, Radio, Tabea Grzeszyk.

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FREIES ALGERIEN

50 Jahre Algerische Unabhängigkeit – Reportage aus der Kasbah von Algier
Deutschlandradio Kultur, Sendung “Ortszeit”, 05.07.2012

Samia Bahaz schlängelt sich durch die engen Gassen der Kasbah, der historischen Altstadt von Algier. Samia, 45 Jahre alt, schwarze schulterlange Haare verdient ihr Geld als Stadtführerin für Urlauber – wenn denn welche kommen. Touristen trauen sich kaum nach Algier, die Sicherheitslage ist heikel.

Samia liebt die Kasbah mit ihren traditionell gebauten Häusern aus Stroh, Holz und Lehm, in denen sie ihr ganzes Leben verbracht hat. Doch die Gebäude drohen zu zerfallen: einige Häuser stehen schief, bei anderen hängen dicke Büschel Stroh die Wänden herunter.

Schau dir das Haus hier an! Es ist bei einem leichten Erdbeben zusammengestürzt…

Die Altstadt zählt zum Weltkulturerbe der Unesco. Vor drei Jahren hat die Organisation eine finanzielle Unterstützung für die Rettung der Häuser bewilligt, erzählt Samia. Doch die algerische Regierung verschleppt die Freigabe der Gelder bis heute – eine Katastrophe, findet Samia Bahaz.

Wir müssen dieses Erbe unbedingt erhalten – das ist unsere Identität. Die Kasbah, das ist die Identität der Algerier. Wenn ein Tourist nicht die Kasbah besucht, ist es, als wäre er nie in Algerien gewesen.

Mit einer dunklen Sonnenbrille schützt Samia Bahaz ihre Augen vor dem grellen Tageslicht, das von den hellen Fassaden der verwinkelten Wohnhäuser reflektiert wird. Dass nur wenige Touristen kommen, findet Samia schade, aber verständlich. In Algier schüchtern die Straßensperren ein und wer in den Süden reist, wird von Polizeikorsos begleitet.

Samia Bahaz besucht eine Freundin in der Nachbarschaft, die auf ihrer privaten Dachterrasse algerische Gerichte serviert, wann immer Samia mit Gästen bei ihr vorbeischaut. Restaurants gibt es nur wenige.

Stufe um Stufe steigt Samia Bahaz eine schmale Treppe hinauf. Oben angekommen wird sie mit einem betörend schönen Ausblick belohnt: die Altstadt, der Hafen, das leuchtendblaue Mittelmeer. In der Ferne weist Samia auf das heutige Stadtzentrum von Algier, das die Franzosen zur Kolonialzeit nach dem Vorbild von Paris gebaut haben: mit prachtvollen, weißen Jugendstilbauten und himmelblau gestrichenen Balkons.

Früher hat man es das „Europäische Viertel“ genannt. Während der Kolonisation haben alle Algerier in der Kasbah gewohnt und alle Europäer im europäischen Viertel. Kein Algerier hatte das Recht, dort zu wohnen – höchstens um die Wäsche zu machen.

Heute wohnen fast ausschließlich Algerier im „Europäischen Viertel“, doch die Vergangenheit lässt sich nicht so leicht abschütteln. 1,5 Millionen Menschen sind nach algerischen Angaben im Unabhängigkeitskrieg gestorben. Den Algeriern ist es wichtig, eine eigene Identität zu bewahren – und diese gegen europäische Einflüsse zu behaupten.

Samias Freundin deckt den Tisch unter einem improvisierten Sonnensegel aus grobem Leinentuch. Während Samia Bahaz einen Teller Shakshuba löffelt, einen Gemüseeintopf mit Zwiebeln, Paprika und Eiern, erzählt sie vom „algerischen Trauma“: Dem grausamen Bürgerkrieg, der nach einer abgebrochenen Parlamentswahl von 1992 zwischen Islamisten und dem algerischen Militär ausbricht. Samia ist 24 Jahre alt, als eine Gruppe von zehn Gotteskriegern die Altstadt von Algier unter ihre Kontrolle bringt.

Die Terroristen der Kasbah, das waren Taschendiebe, kleine Gauner, die sich selbst zu Mudschaheddin erklärt haben. Das hatte gar nichts mit Religion zu tun. 9´01 Das waren alles Leute aus dem Viertel, die haben hier gewohnt. Ich habe sie gekannt

Die Islamisten schikanieren vor allem die Frauen: Sie dürfen nach 17 Uhr das Haus nicht mehr verlassen. Außerdem müssen sie ein Kopftuch tragen – oder sie werden erschossen. Samia Bahaz trinkt einen großen Schluck Tee, bevor sie erzählt, wie sie eines Tages von einem türkischen Dampfbad nach Hause gehen will und dabei vergisst, das Kopftuch aufzusetzen. In der Kasbah gerät sie in eine Straßensperre, wird verhört. Sie kennt den Mann, der sie dort festhält.

Er hat mich furchtbar beschimpft, aber darauf habe ich gar nicht geachtet. Ich hatte nur seine Hand im Blick. Die hatte er unter seinem Hemd, ich habe die Pistole gesehen. Ich habe nur da drauf gestarrt, ob er die Pistole zieht und mich auf den Boden zerrt. Er hat mich weiter beschimpft, dann aber sagte er „Verschwinde nach Hause!“ Ich habe meinem Schicksal direkt in die Augen gesehen – wusste nicht, ob ich jetzt sterbe oder weiterlebe.

Samia Bahaz erzählt, wie schwer es ihr danach fällt, wieder Vertrauen

zu ihren Nachbarn im Viertel zu gewinnen – und ihr Leben zu genießen. Jede Familie hat im algerischen Bürgerkrieg Angehörige verloren. Jede Familie hat Grund zu trauern.

Samia verabschiedet sich von ihrer Freundin; sie weiß nicht, wann sie mit den nächsten Touristen zurückkehren wird. Bis jetzt hat sie keine neue Buchung erhalten. Draußen auf der Straße wird die Altstadt für die großen Feiern zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit herausgeputzt. Doch fragt man Samia Bahaz nach ihrer persönlichen Bilanz, huscht für einen kurzen Moment bittere Enttäuschung über ihr Gesicht.

Es läuft nicht gut. Dabei haben wir alles, um ein Land zu sein, in dem alle in Wohlstand leben können. Wir haben Erdgas, wir haben Erdöl. Und wir könnten ein touristisches Land sein! Aber das wird nicht gefördert. Die Regierung sagt, „wir brauchen das nicht“. Aber ich sage: wir brauchen Touristen für die ganzen Jugendlichen. Wir sind 3,5 Millionen Algerier, davon sind 75% unter 40 Jahre alt. Wir brauchen Jobs für diese Jugendlichen.

Doch was passiert, wenn nichts passiert? Wenn die Jugendlichen auch in Zukunft keine Arbeit finden? Samia Bahaz möchte den Gedanken nicht zu Ende führen. Sie hat großen Respekt für die Menschen in Tunesien, Ägypten und Libyen, die ihre Regierungen gestürzt haben. Doch Samia glaubt nicht an Revolutionen – jedenfalls nicht in Algerien.

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