TABEA GRZESZYK

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This article was written on 12 May 2009, and is filled under PEKING, Radio, Tabea Grzeszyk.

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TRUE STORY

“Based on a True Story” – Berliner Künstler stellen in Peking aus, ARD-Hörfunkstudio Peking, 12.05.2009

Im Today Art Museum in Peking machen Ton-Techniker den letzten Soundcheck, das Licht wird gedämpft, junge Frauen rücken Cola- und Weingläser für die Vernissage zurecht. An der Wand – ein Gemälde aus Berlin: Es zeigt junge Leute auf der Straße, sie tragen Plakate: „Unser Kiez, unser Ufer“ und: „Mediaspree versenken!“ – Das Bild einer Berliner Demo gegen die Groß-Baustelle am Wasser.

In Peking gibt es auch jede Menge Baustellen – Demonstrationen sind nicht so gerne gesehen. Damit niemand auf dumme Gedanken kommt, hat die chinesische Zensur das Gemälde von Nina und Torsten Römer umbenannt: „Karneval“ heißt es jetzt.

Wir haben also vor der Ausstellung ne komplette Liste mit allen Bildern gemacht und dann wurden die Titel ins Englische übersetzt und vom Englischen wieder ins Chinesische – nicht nur Wort für Wort, sondern „darauf sieht man das und das“ – damit halt die Zensurberhörde hier wirklich entscheiden kann, ist das alles ok, was wir hier zeigen.

Es sind Momentaufnahmen aus dem Leben von Menschen in verschiedenen Städten: Szenen aus Russland, dem Heimatland von Nina Römer. Momente aus Korea und Europa – aus Paris und natürlich Berlin, wo das Künstler-Paar zusammen lebt. Momente, die Nina und Torsten Römer erst auf der Straße finden – und dann in Gemälde verwandeln:

Wir arbeiten so, dass wir zuerstmal natürlich Fotos machen, wir machen eine große Menge von Fotos, also wir gehen durch die Stadt und suchen uns öfter so Momente, Events, Veranstaltungen, was weiss ich – Orte, die uns interessieren. Dann finden wir so ein Motiv raus, war wir wirklich unbedingt malen wollen.

„Based on a True Story“ heißt die Ausstellung im Today Art Museum in Peking, „nach einer wahren Geschichte“. Doch die chinesische Zensur ist nicht mit jedem Bild der Wirklichkeit einverstanden. Ein paar Schritte weiter – wieder ein Gemälde aus Berlin:

Hier die Fuck-Parade, kennen Sie des?

…das nächste Problemkind. Ein Schimpfwort als Bildunterschrift? Lieber nicht.

Und dann ist es sozusagen umbenannt worden von der „Fuck Parade“ zur „Love Parade“, was eher lustig ist, weil ja die „Fuck Parade“ die Alternative zur „Love Parade“ war. Aber ich denke, das ist nicht so entscheidend, weil das Bild spricht ja auch für sich.

Für ihre Ausstellung in Peking lassen sich Nina und Torsten Römer auf das Spiel mit falschen Titeln ein. Schließlich geht es auch darum, sich in China zu präsentieren – am chinesischen Kunstmarkt kommt heute kaum jemand vorbei.

Es ist natürlich die Frage: will man jetzt diese Konfrontation haben oder nicht? Und für unsere Art der Arbeit schien es auch nicht so sinnvoll zu sein, das zu tun, weil uns geht es eigentlich nicht darum. Für andere Künstler würde es wiederum vielleicht mehr Sinn machen.

Es sind vor allem junge Chinesen, die zur Vernissage ins Today Art Museum kommen. Sie nehmen sich Zeit für die einzelnen Bilder, sind von der Mal-Technik begeistert: Die Gemälde bestehen aus lauter einzelnen bunten Punkten, die erst aus der Ferne zu einem Bild zusammen wachsen.

Es ist toll, ich mag die Idee. Und vor allem die Farben. Und die Bilder – wissen Sie, ich fotografiere auch viel, aber hier sind Fotos zu Gemälden geworden. Ich finde das sehr besonders, es ist cool. / Ich arbeite hier und kann viele Künstler treffen, Ausländer und Chinesen. Wenn ich ihre Bilder sehe, fühle ich mich sehr wohl im Herzen.

Und die Motive? Es ist schwer, darauf eine Antwort zu bekommen. Eine junge Chinesin äußert sich vorsichtig:

Die Ausstellung heißt „nach einer wahren Geschichte“, also zeigt sie auch echtes Leben. Verschiedene Leute in der Welt haben verschiedene Meinungen. Diese Ausstellung ist so gut für das chinesische Publikum oder Künstler oder Malbegeisterte…!

Bilder, die Demonstrationen zeigen: Mittlerweile kann diese Kunst auch in China ausgestellt werden – solange der falsche Name darunter steht.

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